Ein deutsch-deutsches Flügel Schicksal

Herr Dr. Peter H. aus M. schrieb uns:

„Auferstanden aus Ruinen“,

so dröhnte es immer wieder zu den verschiedensten Feiertagen aus den Lautsprechern der DDR. Ein Ibach-Flügel (180 cm ) erlebte diese Problematik auf eine ganz besondere Weise.
Er wurde kurz vor dem ersten Weltkrieg gebaut und für ca. 1600 Goldmark – das war damals sehr viel Geld – verkauft. Damit begann für das Instrument ein sehr erfreulicher Lebensabschnitt. Gehegt, gepflegt und fachmännisch betreut überstand er so beide Weltkriege.
Im Jahre 1952 verkaufte ihn ein Klavierstimmer aus Leipzig an eine junge Lehrerfamilie im Kreise Oschatz. Für den jungen Lehrer war das damals so etwas wie das große Los. Zu dieser Zeit gab es in der DDR überhaupt keine Instrumente zu kaufen. An einen Flügel von der Qualität eines Ibach-Flügels war überhaupt nicht zu denken.
Nun war es mit dem Kauf allerdings noch nicht getan, denn schließlich mußte das Instrument von Leipzig auf das flache Land transportiert werden, und das war fast unmöglich. Der Klavierhändler wußte schließlich einen guten Rat. Er bat zwei Fahrer eines Milchwagens, die regelmäßig zwischen Leipzig und Oschatz unterwegs waren, den Flügel mitzunehmen. Das war allerdings erst dann möglich, nachdem zu der Bitte eine beachtliche materielle Unterstützung gekommen war. So kam es zur Verabredung eines Termins. Es war ein kühler Herbstsonntag, als vor dem Schulhaus in Bloßwitz gegen 11 Uhr das Lastauto mit dem riesigen Milchfaß vorfuhr. Der Flügel war in viele Decken gehüllt und klemmte zwischen dem riesigen Milchbehälter und der hinteren Ladeklappe.
Die Fahrer waren in schlechtester Stimmung, denn sie hatten das natürlich eigentlich nicht machen dürfen und waren außerdem darüber verärgert, daß es von Oschatz – ihrem Zielort – noch gut zehn Kilometer nach Bloßwitz waren. Ihr Auto fuhr noch mit Holzgas, und damit gab es immer wieder Probleme. Der Klavierhändler hatte die Fahrt zwischen den beiden Milchfahrern verbracht, war aber doch sehr glücklich, daß alles so gut gelungen war.

Damit fing für den Ibach-Flügel eine neue Lebensperiode an. Er wurde mit Freuden empfangen und war bald der Liebling der ganzen Familie. Nicht nur der Vater übte fleißig, bald begann auch die Tochter des Hauses mit dem Spiel.
Bekannte und Musikfreunde von nah und fern kamen, um die Neuerwerbung zu besichtigen und zu spielen. Ihr Lob und ihre Begeisterung waren mitreißend und halfen der jungen Familie etwas über die finanziellen Sorgen (5.000 Mark waren damals sehr viel Geld!). Schließlich schossen die Großeltern etwas zu.
Leider währte diese schöne Zeit für den Flügel kaum zehn Jahre. Wegen vermehrter Schwierigkeiten bei der politischen Erziehung ihrer Kinder beschloß die Familie im Jahre 1961, das „gelobte“ Land zu verlassen. Natürlich wäre es ein Leichtes gewesen, den herrlichen Flügel an den Mann zu bringen. Das wäre aber den vielen Aufpassern im Dorf nicht verborgen geblieben und hätte die Flucht verhindert. So blieb das Instrument zurück. Es wurde von den Funktionären getaxt. Sie legten einen Preis von 1.200 Mark zugrunde – das war mehr als ein Schleuderpreis – und beschlossen, den Flügel dem örtlichen Kulturraum zu übergeben.
Damit begann für den Flügel das traurigste Kapitel seines Lebens. Das begann schon beim Abtransport aus der Lehrerwohnung. Die Gemeindearbeiter hatten es natürlich noch nie mit einem Flügel zu tun gehabt. Sie erschienen in großer Zahl und versuchten dann mit physischer Kraft, das Instrument eine enge Treppe hinabzutragen. Dabei hätten sie um ein Haar einen ihrer Genossen erschlagen, denn sie wußten nicht, daß man die Beine abschrauben kann, und das hätte bald einen folgenschweren Unfall verursacht. Schließlich kam die Großmutter der Familie dazu, die ihnen den entsprechenden Tip gab.

Im Kulturraum, der übrigens seinem Namen wenig Ehre gemacht hat, erlebte der Flügel nicht nur Feiern mit der oben erwähnten Hymne, sondern es muß auch vandalistische Veranstaltungen gegeben haben. So erreichte der Flügel fast halbtot die Wende.
Nachdem 1989 durch die Presse die Mitteilung gegangen war, daß Ansprüche auf Rückerstattung oder Entschädigung für ehemaliges Eigentum zu stellen seien, wurde auch für das Instrument ein solcher Antrag auf den Weg gebracht. Es kam auch postwendend eine Antwort, die allerdings mit der Bitte um Geduld verknüpft war, weil der Antrag die Nummer 1100 trug. Das Leiden konnte also offensichtlich nicht schnell beendet werden.
Im Jahre 1991 wurde beim Gemeindeamt ein Antrag gestellt, den Flügel anläßlich einer Reise besichtigen zu dürfen. Nachdem dem stattgegeben worden war, konnte nun das Instrument im Herbst 1991 in Anwesenheit des Bürgermeisters besichtigt werden.
Niemand konnte ahnen, daß dieses Wiedersehen zu einem schrecklichen Erlebnis werden würde. In dem sogenannten Kulturraum stand eine traurige Ruine eines ehemals großartigen Instrumentes. Daß es total verdreckt und völlig ungestimmt war, wäre zu erwarten gewesen. Aber es kam viel schlimmer: der Deckel war aus seinen Scharnieren gerissen, im Deckel war ein großes Loch, die Lyra hing nur noch teilweise am Instrument, das Notenpult bestand nur noch aus einzelnen Teilen, und viele Elfenbeinplättchen auf den Tasten fehlten. Es war zum Weinen.
Als sich dann der ehemalige Besitzer an das Instrument setzte, passierte etwas Ungewöhnliches. Aus den verstimmten Tönen war trotzalledem die Ibach-Qualität herauszuhören. Es war, als wollte der Flügel sagen:“Hört ihr, daß ich aus bestem Material gebaut bin und eine gute Konstruktion besitze?“

Hier im Rheinland wurde dann Herr K., ein Klavierbaumeister, mit den Fakten bekannt gemacht. Er wäre am liebsten gleich losgefahren, um den Flügel zu holen, weil er eben auch um die Qualität dieser Baureihe von Ibach wußte. Leider ging das aus juristischen Gründen nicht. Er erklärte sich aber bereit, das Instrument gelegentlich zu besichtigen. Was dann auch geschah.
Dabei machte er eine interessante Entdeckung. Auf dem Resonanzboden klebte ein kleiner Zettel mit der Aufschrift: Volkseigentum. Aber auch dieser Hinweis hatte offensichtlich einige Besucher des Kulturraumes nicht davon abgehalten, das Instrument brutal zu mißbrauchen. Oder galt der Flügel gar nicht als echtes Volkseigentum?
Nach dem Besuch von Herrn K. in Sachsen gab es für alle Beteiligten kein Halten mehr. Die Angelegenheit wurde mit Engagement betrieben und die Kreisverwaltung in Sachsen mit dem Hinweis bedrängt, daß der Flügel an seinem jetzigen Standort unmittelbar der Vernichtung preisgegeben sei.
So kam es schließlich zu einem Angebot über Erstattung oder Entschädigung, wobei zunächst niemand die Höhe der möglichen Entschädigung anzugeben vermochte. Nach schwierigen und langen Verhandlungen wurde klar, daß eine Entschädigung schon deshalb unannehmbar war, weil sie sich an dem von den damaligen Funktionären festgesetzten Preis orientieren und davon 50% betragen würde.
Herr K. erstellte dann einen Kostenvoranschlag, der natürlich beachtlich war. Die zuständige Behörde lehnte sofort jede finanzielle Beteiligung an den Reparaturarbeiten ab.

Im Herbst 1992 wurde das Instrument in Sachsen abgeholt. Die Fahrer des Lkw hatten eine klare Wegebeschreibung. Sie wußten allerdings nicht, daß es zwischen Leipzig und Dresden zweimal die gleiche Ortsbezeichnung gab. So fuhren sie zunächst beim falschen Kulturraum vor und verursachten dort einen nicht unerheblichen Wirbel. Erst ein Telephongespräch klärte die Situation.
Damit war der Flügel aus seiner gefährlichen Umgebung gerettet. Nun konnte er aus den Ruinen erstehen, und das geschah unter einer sehr fachmännischen und kompetenten Leitung. Über ein halbes Jahr dauerten die Arbeiten, die mit äußerster Sorgfalt durchgeführt wurden. Die Familie besuchte die Werkstatt in regelmäßigen Abständen und freute sich jedesmal über den Fortschritt beim Wiederaufbau.
Am 1. Juli 1993 wurde der Flügel ausgeliefert, und nun begann das alte Spiel. Wieder kamen Musikfreunde des Hauses und gute Bekannte und freuten sich über dieses herrliche Instrument, das die Qualität eines neuen Instrumentes besitzt und durch seinen spezifischen Ibach-Klang begeistert.
Es sollte hinzugefügt werden, daß nun die Enkeltochter auf dem Instrument übt, auf dem vor Jahren ihre Mutter begann.

Auferstanden aus Ruinen und zu neuem Leben erweckt!!!

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